Meine Geschichte – oder wie „im Raum nebenan“ entstand
Manchmal genügt schon ein Klingeln an der Haustür und nichts ist mehr wie es war.
Silvester 2019/20, kurz vor seinem 26. Geburtstag entschied mein Kind, dass er seinem Leben ein Ende setzt.
Plötzlich hatte ich zwei Leben und war verwaiste Mama. Ein Leben davor und ein Leben danach
Mit Fabis Tod ist nicht nur mein Kind gegangen – es ist meine Welt zerbrochen. Ich habe funktioniert, irgendwie.
Von außen vielleicht stark. Aber innen war ich verloren, haltlos, müde vom Atmen.
Kurz nach Fabis Tod spürte ich den tiefen Wunsch, nicht allein zu sein mit dieser Trauer.
Ich suchte nach einer Selbsthilfegruppe – nach Menschen, die verstehen, ohne dass ich alles erklären muss.
Nach einem Ort, an dem auch das Unaussprechliche einen Platz haben darf.
Doch dann kam Corona. Es fanden keine Treffen statt.
Und ich sagte mir: Ich schaffe das allein.
Aber Trauer ist kein Weg, den man gut allein gehen kann.
Es war ein Wechselbad der Gefühle – zwischen Aushalten und Zusammenbrechen, zwischen Hoffen und tiefer Verzweiflung.
Zwischen dem Wunsch zu leben – und dem Gefühl, innerlich stehen geblieben zu sein.
Irgendwann fand ich eine Gruppe. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Ein erstes vorsichtiges Öffnen.
In dieser Gruppe durften wir nur zweimal sein. Und ich stand mit meiner Trauer wieder alleine da.
Mit meiner Sehnsucht nach Verständnis. Mit diesem leisen Wissen: So kann es nicht bleiben.
Erst im Jahr 2024 fand ich wieder den Weg in eine Selbsthilfegruppe.
Und diesmal war etwas anders. Dort habe ich Anja kennengelernt.
Zwei Mütter, zwei Herzen, die auf ihre eigene Weise zerbrochen waren. Und doch war da sofort etwas Verbindendes.
Ein stilles Verstehen. Ein Blick, der sagte: Ich weiß. Wir mussten nicht viel erklären.
Unsere Geschichten sind unterschiedlich – und doch so ähnlich in ihrem Schmerz.
Wir saßen nebeneinander, hörten zu, sprachen, schwiegen.
Und in diesem Miteinander geschah etwas ganz Zartes und zugleich Kraftvolles: Wir fühlten uns nicht mehr ganz so allein.
Und wir spürten noch etwas: Dass nicht nur wir Eltern diesen Verlust tragen. Da sind auch die Geschwister.
Die, die zurückbleiben und oft stiller trauern. Die ihren Bruder oder ihre Schwester verloren haben – einen Menschen, mit dem sie aufgewachsen sind, gelacht haben, gestritten haben, der ein Teil ihres Lebens war, wie kaum jemand sonst.
Ihre Trauer wird so oft übersehen. Und doch ist sie so tief.
Auch sie brauchen einen Ort. Einen Raum, in dem sie sagen dürfen, was fehlt, in dem sie nicht stark sein müssen für andere.
In dem ihre Liebe und ihr Schmerz gesehen werden. Diese Gedanken, diese Erfahrungen,
dieses gemeinsame Fühlen ließen in uns einen Wunsch wachsen. Einen Gedanken, der leise begann – und immer mehr Raum bekam:
Es braucht mehr von solchen Orten. Orte, an denen nichts „richtig“ sein muss. An denen Tränen sein dürfen.
An denen auch Lachen wieder vorsichtig zurückkommen darf, ohne schlechtes Gewissen.
Orte, an denen unsere Kinder und Geschwister ihren Platz behalten dürfen – mitten unter uns.
Und so entstand aus unserer eigenen Geschichte, aus unserer Trauer und unserer Hoffnung heraus unsere Selbsthilfegruppe
in Grünstadt. „im Raum nebenan“
Ein Name, der aus einem Gefühl geboren wurde. Aus der tiefen, leisen Verbindung zu unseren Kindern.
Zu unseren Geschwistern. Zu all denen, die wir so sehr lieben und vermissen.
Aus dem Gedanken, dass sie nicht wirklich fort sind – sondern auf eine andere Weise weiter da.
Nicht greifbar, nicht sichtbar, und doch spürbar.
Heute öffnen wir einmal im Monat diesen Raum.
Für Mütter, Väter, Geschwister, Familien – für Menschen, die einen unvorstellbaren Verlust tragen.
Und jedes Mal erlebe ich etwas, das ich selbst lange nicht glauben konnte: Das inmitten von tiefster Trauer auch wieder etwas
wachsen kann. Kein „alles ist wieder gut“. Keine schnellen Antworten. Keine einfachen Wege.
Aber ein Miteinander, das trägt. Ein Raum, in dem man wieder atmen kann. In dem Worte gefunden werden – oder einfach Stille sein darf. In dem man gesehen wird. Wirklich gesehen.
Und ich bin unendlich dankbar, diesen Weg nicht allein gehen zu müssen.
Anja und ich – wir sind diesen Schritt gemeinsam gegangen. Aus unserem eigenen Schmerz heraus haben wir etwas entstehen lassen,
das heute auch anderen Halt geben darf.
Für Eltern, für Geschwister. Für alle, die lieben – und weiterlieben.
Ich habe meinen Weg nicht trotz der Trauer gefunden – sondern durch sie hindurch. Und wenn ich heute zurückblicke, dann weiß ich:
Es ist möglich, weiterzugehen. Anders als vorher. Leiser vielleicht. Zerbrechlicher. Aber auch tiefer und bewusster.
Und getragen von einer Liebe, die bleibt. Das ist es, was ich weitergeben möchte: Du musst diesen Weg nicht allein gehen.
Auch wenn es sich oft so anfühlt. Es gibt Menschen, die verstehen. Es gibt Orte, die tragen.
Und manchmal beginnt alles mit einem einzigen Schritt. Vielleicht führt er dich zu uns. Vielleicht in einen anderen Raum.
Aber irgendwo gibt es ihn, diesen Ort, an dem deine Trauer sein darf.
Und an dem – ganz leise – wieder ein kleines Stück Licht entsteht.
Im Raum nebenan.
(Sabine Kettenmann)